Drohnen über Berlin
Der Taxifahrer macht eine unerwartete und scharfe Wendung aus der stehenden Ampelschlange heraus. Das Auto schießt dann in der Gegenrichtung über eine Ampel, die von Gelb auf Rot springt, und biegt scharf rechts ab. Der Fahrer erklärt mir, dass da irgendwo eine Demo sei und wir deshalb besser einen kleinen Umweg fahren. Ich sage, er solle fahren, wie er es für richtig hält. Demos sind gerade und vor allem in Neukölln/Kreuzberg nichts Ungewöhnliches, also auch nicht unwahrscheinlich. Gut möglich also, dass der Umweg kürzer ist. Die ganze Welt ist hier mehr oder weniger zuhause und die ganze Welt versinkt gerade zunehmend im Chaos. Donald Trump hat vor wenigen Tagen angekündigt, er werde Grönland kaufen. Das Mullah-Regime hat im Iran zehntausende Demonstranten erschießen lassen. Russland versucht seit drei Jahren, die Ukraine zu erobern. China probt die Invasion in Taiwan. Der Gazakrieg ist nicht vorbei, hat sich aber medial und real in einen Waffenstillstand verwandelt.
Und so ballert das Kopfsteinpflaster unter uns die Räder in die Stoßdämpfer, während wir am Oranienplatz vorbeikurven und die bunten Fahnen der Demonstranten sehen. Auf meine Frage, was das denn für Fahnen sind, beginnt der Taxifahrer mir ausführlich zu erklären, dass es die Flaggen der PKK seien, dass die PKK von den USA umbenannt worden sei, weil die USA der Meinung sind, die PKK sei eine Terrororganisation, Deutschland das aber anders sehen würde und sie deshalb in Deutschland immer noch PKK heißen könne. Dabei blickt er mich immer wieder kurz im Rückspiegel an, um zu sehen, ob ich verstehe, was er meint. Vielleicht aber auch, um überzeugender zu wirken. So genau kann ich das nicht sagen. Das Kopfsteinpflaster lässt das Taxi vibrieren wie einen dieselbetriebenen Leopard 2. Als ich nicke und verständnisvoll brumme (eigentlich würde ich mir viel lieber wieder meine EarPods in die Ohren fummeln und zu den sanften Klängen Ryuichi Sakamotos verträumt aus dem Fenster gucken), startet er übergangslos eine kleine Geschichtsstunde zur PKK, zur türkischen Außenpolitik und beginnt, seine persönliche Sicht auf die Ursachen und den Beginn der Fluchtbewegung aus Syrien darzulegen. Er behauptet, die USA hätten ja die Taliban mit Waffen ausgestattet, als es darum ging, die Sowjetunion zu bekämpfen, und hätten 2011 dasselbe mit der PKK gemacht, um gegen Assad vorzugehen. Er blickt jetzt immer öfter in den Rückspiegel und ich frage mich, ob er Tarnfarbe im Gesicht hat. Die Chinesen und die Russen würden Interessen im Iran vertreten und Donald Trump hätte deshalb eine beschissen große Armada in den Persischen Golf geschickt. Denn wie immer ginge es ums Öl und das große Geld. Er gestikuliert ausladender und springt plötzlich ohne Ankündigung zu den neuesten Innovationen der türkischen Waffentechnik und warum Griechenland plötzlich ein Interesse daran hätte, seine Hoheitsgewässer von 6 auf 7 Meilen auszuweiten und sich mit der Türkei anlegen will (die sich darauf aber nicht einlässt, weil Erdogan eben durchgreift), und inwiefern das alles von Deutschland querfinanziert wäre. Ich nicke eifrig und frage mich, wann der Kerl denn eine kurze Atempause einlegen wird, damit ich vielleicht eine Frage stellen kann. Dabei fällt mir sein gepflegtes Äußeres auf, seine jungen Augen und die faltenlose Haut. Ich bemerke, dass er seine Jacke und sein Hemd in geschmackvollen Farben gewählt hat.
Das Taxi zuckelt nun auffallend langsam auf einer viel befahrenen Hauptstraße vor sich hin, weil der Fahrer nur noch kurze Blicke auf die Straße und deutlich längere Blicke in den Rückspiegel wirft. Er nagelt mich mit seinen Augen regelrecht an die Rückbank, während wir links und rechts zischend von anderen Autos überholt werden und meine kläglichen Versuche, so etwas wie ein Gespräch zu beginnen, unterbunden werden, indem er sie einfach ignoriert. Vielleicht bin ich aber auch faul oder überfordert oder interessiere mich mehr dafür, wie er sich gleichzeitig auf die Straße vor sich, mich auf der Rückbank und sein Handy über dem Armaturenbrett (auf dem er mir TikTok-Videos zeigt, um seine These von deutschen Interessen im Mittelmeerraum zu untermauern) konzentrieren kann. Hin und wieder schlingert er gefährlich nah an die Spur neben uns oder schafft es gerade noch rechtzeitig, mit dann viel zu hoher Geschwindigkeit abzubiegen. Mal wischt er mit der rechten Hand zu einem neuen Video, mal nutzt er sie, um seine Satzrhythmik zu untermalen. Als er mir von der neuesten Drohnentechnik zu berichten beginnt und dann mit seinem Zeigefinger an der kleinen Dashcam – die unter dem Rückspiegel klemmt – beispielhaft und recht glaubwürdig ein kurzes Abschussszenario skizziert, bin ich mir sicher, dass sich das Taxi schon im Fadenkreuz einer über uns in der Stratosphäre surrenden Drohne befindet, die jeden Augenblick zum Kamikazeflug ansetzen wird. Jedenfalls lässt er dem assoziativen und immer wieder ins Spekulative abgleitenden Vortrag jetzt freien Lauf und erklärt mir die Zusammenhänge, die seiner Meinung nach zwischen der deutschen Energiepolitik und den griechischen Staatsschulden bestünden und weshalb die USA sich dadurch bemüßigt fühlten, Truppen auf Mittelmeerinseln zu stationieren, was das mit Waffenlieferungen an Israel zu tun hätte und dass die Chinesen den Iron Dome überwinden können. Plötzlich geht es dann wieder um Waffensysteme der Türkei und dann – wir haben mittlerweile unser Ziel erreicht und stehen nur eine Seitenstraße von dem kleinen Neujahrsempfang, zu dem mich meine Agentur eingeladen hat, entfernt – dann geht es auf einmal um Friedrich Merz und den deutschen Arbeitsmarkt. Mit zwei flinken Bewegungen hat er einige Videos von türkischen Einwanderern aus den 70ern auf sein Handy gezaubert und meint, die hätten noch eine ganz andere Arbeitsmoral gehabt damals. Einige Anekdoten über seinen Vater und seine Sicht auf Rechte und Pflichten später stellt er unvermittelt den Motor ab und dreht sich zu mir um. Wir sehen uns einen kurzen Moment direkt in die Augen. Er sei zur Hälfte Türke und zur Hälfte Italiener und seine Frau komme aus Syrien. Er fragt mich, wie er sich denn jemals irgendwo zuhause fühlen soll. Er sagt, dass er immer und überall der Ausländer ist und nicht verstehen würde, wieso. Er fühle sich hier genauso zuhause wie in der Türkei und in Italien, aber nirgendwo würde er dazugehören. Wieso? Ob wir nicht alle Menschen wären, keine Christen oder Moslems oder Türken oder Italiener? Die da oben seien die Kriegstreiber, die da oben benähmen sich wie Zwölfjährige und denen da oben ginge es immer nur um Geld. Plötzlich schweigt er. Nur die gedämpften Stimmen eines an uns vorbeilaufenden Ehepaars und die leisen Klänge Ryuichi Sakamotos, die aus meinen EarPods dringen, sind zu hören. Er dreht sich nach vorne und sinkt zurück in seinen Sitz. Dann drückt er ein paar Knöpfe auf dem Taxameter, während die Dashcam unter dem leeren Rückspiegel flackernd die Straße vor uns zeigt. Wir verabschieden uns in aller Höflichkeit. Das Taxi fährt leer an mir vorbei, während ich auf dem Bürgersteig durch den Schnee knirsche. Die kalte, trockene Luft lässt jeden Atemzug in vollen Wolken vor meinem Gesicht erscheinen. Ich betrete das stilvoll eingerichtete Büro meiner Agentur, bekomme sofort ein Glas Weißwein in die Hand gedrückt und werde umgehend in Gespräche verwickelt. Ich höre nur mit halbem Ohr hin, antworte generisch und bin gedanklich immer noch im Taxi. Diesem Raum auf vier Rädern. Diesem Mikrokosmos, der durch ein Monstrum an Stadt flitzt, um andere Mikrokosmen in sich aufzunehmen. Diese kurze symbiotische Verbindung zweier Systeme in einem weiteren System, das wiederum in und von einem noch größeren System lebt. Und wir alle wechseln pausenlos vom einen in ein anderes. Ein Kollege schiebt sich in den kleinen Gesprächskreis, in dem ich stehe, und stellt in kurzen Zügen seine Meinung zur weltpolitischen Lage in den Raum. Sofort gehen zwei andere Kollegen darauf ein und ein Dritter schaltet sich, aufgeregt mit dem Handy wedelnd, dazu. In einem Rutsch leere ich mein Glas und versuche, die Ruhelosigkeit zu bekämpfen.