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ID_001 (P) // 2026.02.20

Drohnen über Berlin

Mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich ihn in eine Mikrowelle gesteckt. Nach etlichen Stunden Polit-Diskussions-Dauerfeuer im Stream - bei parallelem Scrollen durch meine Feeds - stehe ich mit leerem Magen und glasigem Blick vor einer Wand aus erloschenen Monitoren und spüre das Brummen im Schädel. Auf meinem Schreibtisch stehen fünf leere Coladosen, zwei Tassen mit ausgetrockneten Teebeuteln darin, sieben zu zwei Türmen gestapelte Essensverpackungen eines Lieferdienstes und einige Tüten Süßigkeiten. Dazwischen Stifte, ungeöffnete Briefe, eine zerfledderte Ausgabe von Gödel, Escher, Bach, ein leerer Aschenbecher und die Ausdrucke von Grundrissen römischer Herrenhäuser, auf denen Notizen mit Rotstift gemacht wurden. Es riecht nach Pot und alten Duftkerzen.
Unten fährt eine Sirene vorbei, während ich mich in einen viel zu engen Pullover kämpfe. Ich schlüpfe in meine Schuhe, bestelle mir ein Taxi und kippe einen kleinen Whisky, um beim Neujahrsempfang meiner Agentur nicht völlig verkrampft aufzulaufen. Meine Jacke in der Hand poltere ich das Treppenhaus hinunter und bin schon wieder zu spät.

Das Taxi macht eine scharfe Wendung aus der stehenden Autoschlange heraus, schießt in der Gegenrichtung über eine Ampel, die von Gelb auf Rot springt, und biegt rechts ab. Der Fahrer sagt, da sei eine Demo, wir müssten einen kleinen Umweg nehmen. Demos sind gerade, vor allem in Neukölln und Kreuzberg, nichts Ungewöhnliches. Donald Trump hat angekündigt, er werde Grönland kaufen. Das Mullah-Regime lässt Demonstranten erschießen. Vladimir Putin versucht seit drei Jahren, die Ukraine zu erobern. Der Gazakrieg ist nicht vorbei, hat sich aber medial und real in einen Waffenstillstand verwandelt. Und China probt die Invasion in Taiwan. Gut möglich, dass der Umweg kürzer ist.

Das Kopfsteinpflaster ballert unter uns die Räder in die Stoßdämpfer, während wir am Oranienplatz vorbeikurven und die Fahnen der Demonstranten sehen. Auf meine Frage, was das für Fahnen seien, erklärt der Fahrer, es seien die der PKK, die von den USA umbenannt worden sei, weil die USA sie für eine Terrororganisation hielten, Deutschland das aber anders sehe und sie deshalb hier noch PKK heißen könne. Dabei blickt er mich immer wieder im Rückspiegel an, um zu sehen, ob ich verstehe, was er meint.
Als ich nicke - eigentlich würde ich mir viel lieber meine EarPods in die Ohren fummeln und zu den sanften Klängen Ryuichi Sakamotos aus dem Fenster sehen - startet er eine Geschichtsstunde zur PKK, palavert über die Außenpolitik der Türkei und beginnt schließlich, seine Sicht auf die Ursachen und den Beginn der Fluchtbewegung aus Syrien darzulegen. Das Taxi vibriert wie ein dieselbetriebener Leopard 2. Er behauptet, die USA hätten die Taliban mit Waffen ausgestattet, als es darum ging, die Sowjetunion zu bekämpfen und hätten 2011 dasselbe mit der PKK gemacht, um gegen Assad vorzugehen. Die Chinesen und die Russen würden Interessen im Iran vertreten und Donald Trump hätte deshalb eine Armada in den Persischen Golf geschickt. Es ginge um Öl, den Dollar und Versorgungsrouten.
Er beginnt zu gestikulieren und springt vom Ölmarkt zu Innovationen der türkischen Waffentechnik und warum Griechenland auf einmal ein Interesse daran hätte, seine Hoheitsgewässer von 6 auf 7 Meilen auszuweiten und sich mit der Türkei anlegen will (die sich darauf aber nicht einlässt, weil Erdoğan durchgreift), und inwiefern das alles von Deutschland querfinanziert wäre. Er blickt jetzt immer öfter in den Rückspiegel und es scheint, als hätte er Tarnfarbe im Gesicht. Seine Augen sind mal im Spiegel, dann wieder im Verkehr vor uns. Ich bemerke sein faltenloses Gesicht, die hochwertigen Stoffe seiner Jacke und seines Hemdes. Die Polsterbezüge haben kaum Gebrauchspuren, das Interieur, Fußräume und Ablagen sind wie neu. Es liegt noch eine Spur von Neuwagengeruch, der manchmal Kopfschmerzen verursacht, in der Luft. Ich registriere an mir vorbeifliegende Satzfetzen und Wörter, die auf mich zugeschossen kommen. Es gibt kaum eine Atempause, die man nutzen könnte, um eine Frage zu stellen.

Das Taxi zuckelt auffallend langsam auf einer viel befahrenen Hauptstraße vor sich hin, weil der Fahrer nur noch kurze Blicke auf die Straße und deutlich längere Blicke in den Rückspiegel wirft. Er nagelt mich mit seinen Augen an die Rückbank. Während wir links und rechts von anderen Autos überholt werden, unterbindet er meine Gesprächsversuche, indem er sie einfach ignoriert. Vielleicht bin ich aber auch nicht konsequent genug oder interessiere mich mehr dafür, wie er sich gleichzeitig auf die Straße vor uns, mich auf der Rückbank und sein Handy über dem Armaturenbrett (auf dem er TikTok-Videos zeigt, um seine These von deutschen Interessen im Mittelmeerraum zu untermauern) konzentrieren kann. Hin und wieder schlingert er eine halbe Autobreite in die Nebenspur hinein oder schafft es gerade noch rechtzeitig abzubiegen. Mal wischt er mit der rechten Hand zu einem neuen Video, mal nutzt er sie, um seine Sätze an bestimmten Stellen zu unterstreichen. Als er von der neuesten Drohnentechnik zu berichten beginnt und mit seinem Zeigefinger an der Dashcam – die unter dem Rückspiegel klemmt – ein Abschussszenario skizziert, bin ich mir sicher, dass sich das Taxi schon im Fadenkreuz einer in der Stratosphäre surrenden Drohne befindet, die jeden Augenblick zum Kamikazeflug auf uns ansetzen wird.

Er lässt seinem Vortrag jetzt freien Lauf und erklärt die Zusammenhänge, die seiner Meinung nach zwischen der deutschen Energiepolitik und den griechischen Staatsschulden bestünden und weshalb die USA sich dadurch bemüßigt fühlten, Truppen auf Mittelmeerinseln zu stationieren, was das mit Waffenlieferungen an Israel zu tun hätte und dass die Chinesen den Iron Dome überwinden können. Die Fenster sind zu Schießscharten geworden und zeigen, wie durch ein umgekehrtes Fernrohr, nur noch Schnappschüsse der Außenwelt. Schwarzweiße Bilder flackern in den Innenraum, flattern nervös wie handgekurbelte Stummfilme durch die Luft und verglühen in hellen Farben, als wären sie tropische Schmetterlinge.
Unvermittelt geht es wieder um Waffensysteme der Türkei und dann – wir haben unser Ziel mittlerweile erreicht und stehen nur eine Seitenstraße vom Büro meiner Agentur entfernt – dann geht es um Friedrich Merz und den Arbeitsmarkt. Mit zwei Wischern hat er einige Videos von Einwanderern aus den 70ern auf sein Handy gezaubert und meint, die hätten noch eine ganz andere Arbeitsmoral gehabt damals. Ein paar Anekdoten über seinen Vater und seine Sicht auf Rechte und Pflichten später stellt er den Motor ab und dreht sich zu mir um. Wir sehen uns an. Er sei zur Hälfte Türke und zur Hälfte Italiener und seine Frau komme aus Syrien. Er fragt mich, wie er sich denn jemals irgendwo zuhause fühlen soll. Er sagt, dass er immer und überall Ausländer ist und nicht verstehe, wieso. Er fühle sich hier genauso zuhause wie in der Türkei und in Italien, aber nirgendwo gehöre er dazu. Wieso? Ob wir nicht alle Menschen seien, keine Christen oder Moslems oder Türken oder Italiener. Die da oben wären die Kriegstreiber, die da oben benähmen sich wie Zwölfjährige und denen da oben gehe es immer nur um Macht und Geld.
Er schweigt. Durch die Fenster fällt das Licht der Straßenlampen herein. Die gedämpften Stimmen eines an uns vorbeilaufenden Ehepaars sind zu hören, begleitet von den leisen Tönen Ryuichi Sakamotos aus meinen EarPods. Der Taxifahrer dreht sich nach vorne und sinkt in seinen Sitz zurück. Er drückt ein paar Knöpfe auf dem Taxameter, während die Dashcam unter dem Rückspiegel die vor uns liegende Straße zeigt.

Das Taxi fährt leer an mir vorbei, während ich auf dem Bürgersteig durch den Schnee knirsche. In der Winterluft steht jeder Atemzug vor meinem Gesicht. Ich betrete das stilvoll gestaltete Erdgeschossbüro meiner Agentur, bekomme sofort ein Glas Weißwein in die Hand gedrückt und werde in Gespräche verwickelt. Ich höre wieder das Brummen in meinem Kopf, lasse Halbsätze fallen und bin immer noch im Taxi. Ein Kollege schiebt sich in den Gesprächskreis, in dem ich stehe, und stellt seine Meinung zur weltpolitischen Lage in den Raum. Sofort gehen zwei andere darauf ein und ein Dritter schaltet sich, mit dem Handy gestikulierend, dazu. In einem Rutsch leere ich mein Glas und versuche, die Ruhelosigkeit zu bekämpfen. Mein Blick wandert zu den Lichtspiegelungen in den großen schwarzen Schaufenstern und ich suche nach Mustern in ihren Verläufen vor dem Nachthimmel.

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